Zeitgeisterbahnen und Herr Ober, Zahlen bitte...

Ich hatte immer schon das Gefühl, nicht nur selbst nicht wirklich zu verstehen "wie die Welt funktioniert", sondern- viel beängstigender - den Gedanken nicht loswerden zu können, dass noch nicht einmal die nobelsten Nobelökonomen auch nur den Hauch eines Schimmers haben.
Jahrelang habe ich aus purem Universalinteresse, vermeintlichem Bildungsbürgertum und mit einer Portion Fassungslosigkeit die vielen Hochs und Tiefs, die Krisen und Gipfel, die Bullen und Bären, daher wandern sehen.
Das erste Haus als Käufer (Makler: "Oha! Es gibt einfach keinerlei gute Angebote gerade") war in West Hollywood auf Norma Place (unweit von Norma Jean Marilyn's Häuschen), und als es dann kurz darauf, lieb restauriert, das erste als Verkäufer wurde (Makler: "Oha! Es gibt einfach viel zu viel Angebote gerade") stand die 'Prime Rate' auf 21% (!), ca 1981 oder so. (jetzt eher 4%)
Da kommt man auf Sprüche wie "Just our luck....seufz" und denkt sich, die Weltenbahnen und das schlimmdeutsche "Rahmenbedingungen" haben sich "mal wieder" gegen einen verschworen. Aber siehe da, wir haben's doch geschafft, mit nettem Batzen in der Hand, entgegen dem Zeitgeist einen Weg zu bahnen. Und haben es immer wieder geschafft, die nächsten 30 Jahre, und oft von allen Zeitgeistern verlassen.
Und so begann ich aufzuhören an "fate" zu glauben und lieber an "feet". Meine eigenen Füßchen würden mich schon dahin tragen wo ich hin wollte... ( Und wie heilfroh kann ich heute sein, schon jahrelang nichts mehr "investiert" zu haben, außer in mich selbst. )

Dieser mulmige Nachgeschmack aber, wo denn diese Zahlen herkommen, wer denn da wem wie was wann und warum verkauft... der blieb. Das Wissen, da wird der Öffentlichkeit was verkauft... und zwar die eigentliche Wahrnehmung ihrer eigenen Situation.

Die Scheinheiligkeit der Zahlengebilde offenbart sich in Tagen wie diesen. Amerika als Haus aus Spielkarten mit einem Fundament der Fundamentalisten. Verlogen bis ins Letzte.
Wenn man dann jahrelang hört, es werden Kindergärten zugemacht um Geld zu sparen, Budgets für Schulen und Kunst zusammengestrichen weil hier und da die Million fehlt, und die Aids Forschung braucht diese Millionen und überall ist es immer haarscharf am Rande von zu wenig, bis hin zu "zuklappen".
Und dann kommen aus dem puren Nichts 800 Tausend Millionen aus der Hintertasche, nur für dieses eine Land...und noch Tausende von Tausenden von Millionen aus den anderen Hintertaschen und eigentlich wird‘s wohl auch da gar eine Million Millionen sein, die man hervorzaubert...
Toll, wie die Welt das kann, da gibt‘s ja doch noch Geld...endlich den Hunger und die Armut auszuradieren, die Seuchen und endlich das unterste Achtel aus dem Sumpf hochziehen.....?
Ach nein, diese Hintertaschentrilliarden waren ja erstmal, um ein paar Banken zu retten.
Mein Fehler. Sorry.

Es wäre leicht, hier diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der regierenden Personen in aller Herren Länder aufzuzeigen, oder in aller Damen Länder auswandern zu wollen.
Bloss ist dies nicht wirklich "nur hier" - es gibt kein "aber dort"
und es ist auch kein "nur jetzt" - es gibt kein "aber bald".
Es ist was es ist.
Wir werden damit leben müssen, uns neu und anders zusammenzufinden.

In einem gewissen Zusammenhang mit diesen Themen möchte ich lieber etwas Positives erzählen, denn es gibt immer wieder, allen Unkenrufen zum Trotz, wunderbare Beispiele von Menschen die etwas bewegen. (Und können diese Unken eigentlich irgendetwas anderes als nur zu rufen ?)

Und auch wenn ich so viele Projekte hier komplett geheim gehalten habe, manches bestimmt recht "wertvolles" lieber in der Schublade liess, als mich dem ganzen Rummel und Getue und Gehabe der Business Kasper wieder neu auszusetzen, und mich mit Wonne wie Montaigne in seinem Turm eingemümmelt habe, so hätte dieses Beispiel es nicht verdient, nicht in die Welt hinaus zu kommen. Es soll seinen Weg gehen!

Ich glaube viele Menschen sind eigentlich im Prinzip sehr hilfsbereit. Jeder hat mit zunehmendem Alter in seinem Leben erfahren, wie sehr man auf Unterstützung anderer angewiesen sein kann, wie schnell man in einem Krankenhaus liegen mag, und auch ohne selbst Schuld daran zu haben.
Natürlich steht diesem natürlichen Hilfe-Instinkt dann ein allzu überreiches Angebot an Hilfsorganisationen, Spendenaktionen, Institutionen, Firmen, Missionen, Hurrikan Opfer, Erdbeben Verschütteten, Hunger, Seuchen und Desaster aller Art gegenüber. Ob das 'Rote Kreuz' oder die 'World Wildlife Foundation', wer mag das schon gegeneinander aufwiegen wollen, wer es mehr verdient hätte? Und es ist unendlich tragisch, wenn dann schwarze Schafe durch Veruntreuung oder auch nur Verdunstung der Mittel einen Zweifel im Hinterkopf aufkommen lassen, geschweige denn knallharte Reportagen über Diktatoren, Militärregimes und Nahrungsmittel die nie ankommen...

Hier nun muss ich jemanden vorstellen, und zwar jemand dem normalerweise das Rampenlicht und der Kegelscheinwerfer nie so recht gefallen wollten. Eine unendlich ruhige und liebe Seele und vielleicht die stärkste Kombination aus Körper und Geist die ich je kennen gelernt habe. Wir kennen uns 'seit ein paar Takten', sozusagen, nämlich über vierzig Jahre, seitdem ich irgendwann mit 10 mitten im Schuljahr von Düsseldorf nach Essen umzog und mit knallgelbem Pulli im neuen Gymnasium antanzte. Und irgendwo da mit drin saß auch Martin.
Seit dem haben wir dort 8 Jahre die Schulbank gedrückt, waren zusammen einen Sommer lang in Canada, von Niagara bis Toronto, die Welt Expo in Montreal bis zu den Sümpfen der Algonquin Wilderness, fast alles ganz allein (und wir waren gerade 16/17), dann wieder zurück im Ruhrpott, mit der Saat des schönen deutschen Wortes "Fernweh" im Hinterköpfchen. Verloren.
Wir planten eine Reise um die Welt, gerieten in die Mühlen der Einmusterung, spielten nächtelang Billard im romantischen Paris, zogen durchs noch wilde London der frühen 70er, trafen die dritte im Bunde, Barbara, und sind dann "wir gegen die Welt" Hals über Kopf mit 900 Mark im Rucksack auf abenteuerlichste Weise nach New York und überland nach San Francisco entschlüpft. 1976 war‘s, und als Filmscript würde man all das was dann kam als "unrealistisch" zurückgesandt bekommen...
Wir waren fast 20 Jahre lang dann unzertrennlich, fuhren monatelang in selbstgebastelt-ausgebautem UPS Truck von 1950 die kalifornische Küste entlang, Big Sur bis Los Angeles und blieben dort kleben...Von einem Häuschen zum nächsten, hoch in die Hügel bis in die Berge nach Topanga bei Malibu, von völlig mittellos bis zur ersten Million einige Jahre später. Aber das Geld war uns schon damals sowas von egal... es war das unglaubliche Gefühl am totalen "Cutting Edge" der Welt zu sein... im allerersten Computer Store, die ersten PCs, die erste Grafik. Ein Abenteuer immer neu, ich zuerst mit der Musik, Synthesizer und Vocoder, Studioarbeit für 2-3 Jahre, und er, Martin, mit Benzin im Blut, fand Auto Schnäppchen, restaurierte, immer mit gutem Gewinn, von Jaguar E-types über Jensen Interceptor zu Mini, Jeep, Beemer & Aston Martin - er fuhr im Baja 1000 (und nannte später eine seiner Töchter "Jensen"...) - während ich den Führerschein verkümmern ließ. Zusammen lernten wir digitale Elektronik, brachten uns Programmieren bei, kauften Computer, Design erster Synth Module und gründeten dann die erste Software Firma, DDD Software, "Die Drei Deutschen" und "Drei-D 3-D", issklaa.
Barbara hielt das alles zusammen, organisierte die Welt drumherum und schoss uns den Weg frei, er wurde zum genialen Programmierer: auf den klitzekleinen Maschinen jener Tage 3D Charting zum Laufen zu kriegen ( kaum ein Hunderstel dessen was heute ein iPhone wär‘). Aber all die Jahre kürze ich hier mal um 99.99%, denn es geht gerade eigentlich nur darum Martin kurz zu umreissen für das folgende.....
Er blieb dann in Topanga 1995, als ich die neue Meta Firma aufbaute. Zunächst seiner Passion folgend entwickelte er besondere Software für Automobil Databases, gründete newcars.com die er später an Bizrate verkaufte für eine sehr effektive schnuckelige Summe. Und während ich mich in die kleine Burg am Rhein verliebte und aus der Software eher in die Philosophie abglitt, begann er sich mit Philanthropie zu befassen....
Er hat seine Sue, Barbara ihren Pat, zwischen uns sechs Kinder (die älteste nun 20!) und so hat für alle quasi noch einmal ein ganz neues Leben angefangen. Und ich habe mit Vau auch schon das verflixt-schönste-siebente-Jahr bald herum, auf dem Weg in neue Abenteuer.

Das Projekt dass Martin dann in den letzten Jahren entwickelte, bedurfte wahrscheinlich zu einem guten Teil dieser langen Vorgeschichte, um überhaupt zur Reife zu gelangen. Das kann man in ganz jungen Jahren so noch nicht wirklich aus dem zu kleinen Hut ziehen.
Man muss es sich sowohl pragmatisch finanziell leisten können, aber auch vom Inhalt her einen gewissen Überblick und gleichzeitig Durchblick behalten, als sich auch in der Umsetzung nicht zu verzetteln und es "auf den Punkt" zu bringen.

Und da glaube ich ist ihm ein wirklich großer Wurf gelungen, der eine intensive, breite Publikumseinführung verdient hat.

Es ist eine der wenigen Augenblicke, wo ich für eine Sekunde bereue, mich gegen die große öffentliche Schiene entschlossen zu haben, und zumindest im Moment meine Aktivitäten in den Medien, TV, Zeitungen und hier online, weitgehends minimiert habe, denn ich werde ihm hier kaum die Stelzen verschaffen können, mit dem es durchs Land stiefeln sollte. Es ist eher ein sehr kleiner ausgewählter Kreis, der hier noch ab und zu mitliest, dem ich davon erzählen möchte. Bessere Hilfe in der Richtung werde ich anders als "hier, selbst & direkt" anzetteln müssen...
Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Worum geht es also überhaupt, warum mach ich hier so ein Theater?
Nun, es ist ganz schlicht und einfach die Bottom Line: talk is cheap, einfach mal was machen!
Und Martin hat sich da konsequent etwas ausgesucht, vorgenommen und... durchgezogen.
Mit seinem Partner Luke, einem French Canadian, sind die beiden in die allerunterste Schublade der nötigen Hilfe gekrabbelt die man sich wohl überhaupt vorstellen kann: im fast ärmsten Land der Welt, Haiti, und dort Waisenkinder und die auch noch mit AIDS... wirklich die extremste aller Notsituationen.

Der Plan war vor einigen Jahren nach einigen Besuchen: dort ein brandneues Waisenhaus aufbauen. Und das allein wär‘ ja schon ein beträchtliches Unterfangen, schwierig, intensiv, sowohl in Zeit, Energie, Geld und rundherum der Fokus. So etwas - tausende Meilen entfernt für die beiden - kann einen vollkommen auffressen - und es ist dabei auch nicht gerade ungefährlich obendrein. Hut ab also allein schon für die Idee und die Nerven, anzufangen... und den nächsten Hut dann dafür, durchzuhalten, über Jahre hinweg.

Die beiden haben mit wirklich intensivem Aufwand es dann auch geschafft: Da steht es, ein neues Häuschen, sogar mehrere, und die ersten Kinder sind dort, die ersten Krankenschwestern, Ärzte, Lehrer kommen, Essen, Medizin, alles ist in der ersten Phase angekommen und absolut klasse umgesetzt.

Das ganze wäre eine tolle Aktion, liebenswert, lobenswert, und hier erwähnenswert, auch wenn es Martin ganz alleine finanziert hätte. Denn sicherlich gibt es Leute, die es sich leisten können, durch welche Umstände auch immer, das sie solch ein Projekt in einem Schwupp sozusagen aus rein philanthropischen Motiven aus dem Ärmel schütteln könnten. Aber hier nun setzt das ein, was mich ganz besonders an der Sache beeindruckt und geradezu begeistert.

Martin hat mit seinem Team aus dem IT Bereich zu der ganzen Sache eine Webseite entwickelt, und zwar nicht eine simple Spendenaufrufseite, sondern ein ganzes System für sich. Ich sehe es fast als eine generelle Lösung für alle möglichen Projekte, die auf Spenden angewiesen sind... Hier ist es zugeschneidert auf dieses erste Projekt, aber es könnte eigentlich auf HUNDERTE andere passen.

Und ich sage das mal einfach so in den Raum hinein: ich glaube kaum, dass ich je irgendeine andere Seite gesehen habe, die so effektiv das Ziel verfolgt, jemanden zu einer Spende für einen guten Zweck zu verleiten, und das ohne Schreckensnachrichten, ohne pathetisch zu werden, ohne nur Schuldgefühle auszulösen oder ewig auf die gleichen Pavlov Knöpfchen zu drücken, ohne Tricks ehrlich und offen, und dann aber auch nicht blauäugig oder schönredend - oder noch schlimmer -schöngerechnet. Mit einem kleinen Lächeln, einer kleinen Träne und einem großen Herzen.

Das ist keine kleine Aufgabe, im Gegenteil, wenn man sich mit der Materie im Detail vertraut macht, wird einem klar wie viele Faktoren dort zusammentreffen - allein schon die Logistik. Bis hin zum secure server und Kreditkarten, anerkannten Non-Profit Status zu bekommen, man könnte eine ganze kleine Firma daraus bauen - oder anders: es IST eine ganze Firma, die da entsteht. In dem Sinne ist es fast genau soviel Aufwand wie es die ganz großen betreiben, das Rote Kreuz, World Wildlife Fund, Caritas oder Unesco, etc etc etc. Aber sie machen es aus meiner Sicht sogar noch effektiver und einfach liebenswerter.

Von hier aus ist es nicht sinnvoll über die Details zu sprechen, ohne dass man sich das selbst wenigstens ganz kurz angesehen hat, und ich möchte so intensiv wie möglich darum bitten, dafür ein paar Minuten locker zu machen...

Das ganze ist noch nicht 100% fertig, aber die wichtigsten Dinge laufen. Es ist im Moment unvermeidlich, dass es erst einmal nur in Englisch ist, aber es dürften kaum sprachliche Hindernisse im Wege stehen, die Seite intuitiv zu verstehen, und den Inhalt zu begreifen.

Martin hat dafür sinnig und stimmig eine ganz simple Adresse gewählt: die alles summiert und die man auch kaum vergessen kann: "Wir können ein Waisenhaus bauen!" Punkt. Aus.

wecanbuildanorphanage.com

Das ist also die URL, einfach der Satz, ohne spaces, bang.

Es macht keinen Sinn hier jetzt eine Beschreibung abzugeben wie ein Schulaufsatz "meine liebste Webseite" oder was...ich setze einfach voraus dass jeder mal einen Blick werfen wird.

Was ich so absolut wunderbar finde: es ist klar und sauber und doch mit einer Leichtigkeit, spielerisch ohne verspielt zu sein, fröhlich ohne etwas vertuschen zu wollen. Im Thema der kleinen Kinder ist alles in baby pink und blue gehalten, alles etwas schräg, übereinander, in Ebenen, alles kommt zu seiner Zeit und hat dann aber auch gut Platz. Dazu dann die vielen kleinen Überraschungen: wenn man sich zu einer Spende entschließt, kann man aus einer visuellen Liste die Dinge in eine Kiste (adressiert Nach: Haiti) ziehen, was nicht nur eine kleine interaktive Nettigkeit ist sondern subtil mehr: es wird einem erst wirklich bewusst, wie viele Dinge nötig sind, von der Milch Flasche für $1.25 zum Kabel und Windeln und Benzin und Medizin, bis hin zu den Betten und Waschbecken, und dann das Land, das Holz, die Werkzeuge...und schließlich eine Stunde Krankenschwester, ein Tag Kinderhelferin, ein Tag Lehrer, Zimmermann, Koch.
und man sieht auch: ich kauf ein Baby Söckchen für 95 cents... UND DIE BRAUCHEN 176 davon!
Ein Jahr Seife: sie brauchen über 1000, ein Tag Hausmeister kostet $17.52, aber es braucht 1718 davon...und 49 cents für ein Stückchen Land, aber 140.000 sind nötig....

So kann jeder, aber auch wirklich jedes kleine Kind, sich überlegen "to sponsor something", statt einer anonymen Spende, auf ein Konto mit ein paar Zahlen, kann man 'nur eine Spritze' oder 'einen Hammer' quasi "adoptieren", ein Gefühl bekommen wo genau es hin soll und warum es gebraucht wird.

Weiter noch ist es so aufgebaut dass Freunde der Sache eigene kleine Unterseiten bauen können, und sich selbst ein Ziel setzen, im eigenen Freundeskreis eine Summe zu erreichen, meist um die $100 bis $500. Jetzt in der Beta Phase, noch ohne wirkliche PR, sind es ein paar Dutzend Leute insgesamt die begonnen haben, das erste Prozent ist erreicht, wie man auch lieb an einem sich langsam füllenden Gläschen sehen kann.

Und dann sieht man Videos, die wirklich wunderbar die Balance halten, die schrecklichen Bilder zu verpacken, human zu bleiben, es fast fröhlich wirken zu lassen, aber eben doch sehr deutliche Zeichen zu setzen, dass das hier keine Spielerei ist, sondern Leben und Tod. Das allein schon ist eine wirkliche Gratwanderung, den Ton zu treffen, die Bilder zu machen. Luke der absolut unerschrockene Praktiker, Martin der sehr sensible ebenso praktische und auch subtil vorausdenkende...mit vielen Helfern und Freiwilligen, die noch etwas mehr "credits" verdient haben. Das fehlt noch.. Es sieht den wirklich noblen Jungs ähnlich, die "wir über uns" Teile ganz zuletzt anzupacken, und sich erst um die unsichtbaren und schwierigen Details zu kümmern wie Kreditkarten Annahme fast aller Art, mit secure Server Verbindung, persönlicher email Bedankung, etc etc etc.

Die "Starter Orphanage" Seite zeigt detailliert das erste Dutzend Kinder und es bleibt absolut keinerlei Raum für 'Zweifel' oder 'Kritik' auch für den zynischsten Hinterwäldler: man sieht es einfach, dass hier jeder Cent gebraucht wird und sinnvoll angewandt wird, dass sich niemand bereichern wird, nichts verschwendet oder verloren geht...

Und im Big Plan wird dann auch klar, man sollte nicht denken, ach jetzt haben sie es ja gleich geschafft... und gut is....
Denn nichts ist gut. Das alles will weiter bestehen, will instand gesetzt werden, die Lebensmittel, Medizin, die Lehrer und Ärzte, alles will immer wieder neu bezahlt sein... Und: das ist immer nur noch ein Tropfen natürlich. Die nächste Phase steht schon geschrieben: auf 100 Kinder erweitern, mit Schule und Spielplatz....

Das ist das wirklich Schöne hieran: es fühlt sich an, als kann das weiter seinen Weg gehen, sowohl das Projekt dort, aber auch diese ganze "Engine".... Es ist ja eigentlich ein Baukasten für fast jegliche Art von Lass-es-uns-einfach-machen-verdammt-noch-mal.

Ob das nun ein Abenteuerspielplatz in Worpswede ist, oder eine Dorfbücherei in der Eifel, oder eine archaeologische Ausgrabung, ein Notkrankenhaus oder eine Schule für Hochbegabte am Rande des Schwarzwalds.... überall und immer, an jeder Ecke in jeder Stadt, in diesem Land und jedem anderen... überall sind eklatante Missstände, ist Leiden, ist Not.

Und sicher, man sieht diese großen Fernsehsendungen, aufwändig gemacht mit live Publikum, Promis die was erzählen, dicke Preise die man gewinnen kann, und vielen Stellen die aufblinken sollen als Ziel dieses Jahr, in die Millionen, am besten ein Rekord über letztes Mal natürlich.... und keiner will denen etwas wegnehmen, ich will ihnen nicht absprechen, Gutes zu tun, die besten Absichten zu haben, und auch wirklich etwas zu bewegen....
und doch...
irgendwie fühlt sich dieses Projekt anders an. Kleiner aber konkreter, und spezifischer angepackt, mit viel besserer Umsetzung der Hebelkraft, dort wo es gespürt wird. Es macht einfach SINN.

Was man in der Vision am Horizont sehen wollen würde, wären dann Dutzende oder gar Hunderte solcher Grass-Roots Schritte. In allen möglichen Grössenordnungen, und vor allem eben auch nur lokal in einer kleinen Region. Nicht immer muss es Aids und Kinder und Waise am Ende der Welt sein - obwohl es sicher Sinn machte für sie das so anzupacken.
Mich kitzelt aber genauso der weniger krisenhafte panische Aufruf von Leben und Tod sondern einmal nur "wir brauchen eine kleine Brücke" oder "unser Dorf kriegt 30 neue Abfalleimer und einen Leerdienst", oder "Der Sportplatz kriegt neue Fussballtore für die Jungs", etc. etc. etc.
Begabte Kinder, talentierte Musiker, es ist nicht nur negative Not sondern auch positives Potential das alle Hilfe verdient hätte. Sicher sollte diese eigentlich von "der Gesellschaft" längst als Priorität erkannt sein und von uns allen zentral und vernünftig gefördert werden.
Aber Pustekuchen, iss nich, brauchen wir nicht lange zu bejaulen, es weiss jeder. Weltweit.
Endlos die kleinen Löcher die überall nicht gestopft werden können, jeder Bürgermeister im Lande schlägt sich herum mit der vergeblichen Anfragerei und dem Warten nach Länder- und Bundesmitteln. Und es sieht nicht gerade danach aus, als würde da irgendetwas leichter in den kommenden Jahren.

Und so ist meine Absicht hier zunächst einmal nur einer kleinen Gruppe von Leuten die sich einfach nur schon dadurch etwas absetzen, solange wie bis HIER hin lesen zu können ( da fällt ja schon einiges an Bevölkerung durchs Sieb ;). Auch wenn es bei genauer Betrachtung gerade mal 3 Minuten gedauert hat.

Für diese bewundernswert fähigen Leser ein Winker, einen Hug, und einen Gruß.
Guckt‘s mal an, schickt‘s vielleicht auch mal weiter noch, vielleicht findet der eine oder andere sogar noch die Motivation, einen Hammer und zehn Nägel zu spenden.

Aber weiter noch wäre es auch interessant, das ganze Ding zu adaptieren, zu übersetzen, andere Inhalte zu probieren.... und vielleicht sogar in eine Art Lego Kasten zu verwandeln, mit der sich JEDE Gruppe so eine Seite zusammenstellen kann. Irgendwo da bewegt sich dann wirklich etwas, dass noch über ein Einzelprojekt und Einzelpersonen hinausgeht.

Ich sehe, Rädchen drehen sich. Schön.

Wenn jeder wirklich seine Chance bekäme, in kleinen Mikrobeträgen dort mitzuhelfen, wo es wirklich sinnvoll ist, für eine Tasse Cappuccino lokal im Ort was zu fixen.... ich glaube sehr, sehr viele Leute würden da nur zu gerne mitmachen...
Es fehlte nur das Prinzip bisher, das Mittel, der Weg, und das spürt man irgendwie am Werke hier...

Das Schöne ist auch: sicher gibt es irgendwo die wirklich dicken Verdiener, bis hin zu den dreistelligen Millionären und Millardären. Wenn da mal einer so ein Projekt als wirklich "einfach klasse" entdeckt, kann er mit einem Schlag an einem Tag das ganze Ding auf 100% schiessen lassen.... und warum nicht?

Es ist auch ein bisschen wie Albert Schweitzer in Lambarene... : es war in den Nachkriegsjahren nicht nur eine Sache einigen Dutzend Leuten zu helfen, sondern seine Symbol Funktion und das Konzept der Hilfe, die so symbolisch und wichtig war, bis hin zum Nobelpreis. ( Auch wenn der gute Elsäßer seine Schattenseiten hatte).
Man sieht es dem Team an, dass hier niemand nach irgendwelchen Preisen angelt, sondern genau das Gegenteil das Thema ist: Ärmel hochkrempeln und anfassen....

Nicht jeder ist dazu fähig, im tiefsten Haiti unerschrocken die Malariamücken und die Militiapistolen zu ignorieren. Es ist vollkommen fair, dass jemand einfach nur helfen will, aber nicht dort vor Ort sein kann, weder aus seiner Haut kommt, noch es seine Situation in Arbeit und Familie etc. etc. zulässt...(und es zudem dann auch irgendwann ökologisch recht fraglich wird, wie viele Leute tausende Flugmeilen und Ausgaben anhäufen, um selbst molekular da zu sein.... Vielleicht fühlt sich der Helfer dort besser, aber es täte der Sache mehr zu gute, wenn er zuhause bleibt und auch nur die Hälfte der Flugkosten den Jungs überweist ;)

Eigentlich gehören Martin und Luke auf Oprah und die Tonight Show, Letterman und all die riesigen PR Wurfmaschinen. Hier wäre es da schon schwieriger, wir haben nicht wirklich welche. Die unendliche Anzahl von C und D "Promis", die sich hier in den fragwürdigsten Spektakelchen präsentieren, scheinen schon gänzlich unpassend. Vielleicht wird es eine Doku sein, die da Sinn macht, oder ein passendes Buch, wer weiss. Es fängt ja gerade erst an eigentlich.
Jeder dem da auch nur die kleinste Idee kommt, findet die Kontaktmöglichkeiten auf der Seite, kann Kommentare und Vorschlage im Gästebuch ablegen, und auch wenn man mit seinem Neffen nur eine Windel spendet, bekommt man eine mail von Martin dazu...

 

Vor 40 Jahren saßen wir in der letzten Reihe, "Binki" wie Martin immer hieß und ich, in Matte bei Ötte, schrieben uns Traktate über 'Gesellschaft, Erziehung, Systemtheorie und die Zukunft' in Notebook Hefte die "Gibert Jeune" hießen, in Paris im gleichnamigen Laden gekauft. Und nach unserer Canada Reise waren es bald nur noch Zettelchen die wir uns zuwarfen "Wir müssen hier raus! Ich kann nicht mehr!"
Das letzte Jahr habe ich dann "261 Stunden" oder so gefehlt, mich morgens in die Straßenbahn gesetzt und in die andere Richtung statt 'Carl Humann Gymnasium' gefahren, in der großen Bibliothek mich mit Kakao und Brötchen hinter Stapeln von Philosophie Büchern versteckt und auf Martin gewartet. Bald waren es Stapel von Visa Anträgen nach Bhutan und Nepal, und Fragen wie man mit einem Dutzend VW Bussen von Thailand nach Neuguinea kommen kann.
Die ganzen Mitläufer und Möchtegernabenteurer sind natürlich der Reihe nach abgefallen, am Ende standen wir alleine da, ich mit dem Einberufungsbescheid und Zugticket als "Starfighter Pilot in Holland" schon in der Tasche, vollkommen entgeistert und vom Zeitgeist geknüppelt.
Aber wir nahmen allen Mut zusammen... und waren weg. Und wir haben nie zurückgesehen, sehr, sehr viel geschafft, eigentlich alle kühnsten Träume überflogen. Große Kreise haben sich geschlossen. Und jetzt kommen ganz neue Träume und Pläne dazu.

Ich bin jedenfalls richtig stolz auf meinen "Binki".

 

 

Oh and one more thing...
Meine diversen Arbeiten der letzten Jahre sind zwar weiterhin nicht öffentlich....
...aber ich habe die alten BB Seiten schon mal entfernt um etwas Platz zu machen...
da bewegt sich was. Aha...
Danke auch für die diversen Pseudonym Vorschläge, zum Teil absolutely hilarious!
Bin mal gespannt wer wann merkt was sich wo hinter wem verbirgt... ;)

Autorenmässig habe ich noch alles zurückgehalten ausser den Edge.org essays.
Die drei Bücher sind in DE zwar erhältlich, aber seltsam teuer.

What Are You Optimistic About?
ISBN-13: 978-0061436932

What Is Your Dangerous Idea?
ISBN-13: 978-0061214950

What We Believe But Cannot Prove:
ISBN-13: 978-0060841812

Auf Amazon.com drüben gibts alle drei in einem deal zusammen für $32. Schon besser...
http://www.amazon.com/What-Are-You-Optimistic-About/dp/0061436933/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1225467857&sr=8-3

Ich kann mich zwar mit dem Groucho Club "edge" nicht hundertprozentig identifizieren, sehr oft wird da von den Autoren lediglich der Buchumschlag ihres letzten Werkes eigenzitiert...aber es sind trotzdem immer noch viele Denkanstöße dazwischen. Den letzten, optimistischen, hatte ich hier noch nicht auf deutsch übersetzt, kann ich aber mal machen.

Es kommt da aber wieder meine Skepsis auf, warum ich hier auch nur so sporadisch agiere und das ganze nur eine "Blog-ähnliche" Seite genannt habe: es ist einfach nicht meine Art, dem Beifall zufälliger Leute nachzuhaschen, irgendwie irgendwas online zu stellen, um Clicks zu sammeln (Banners und Ads sind mir eh zuwider), geschweige denn Facebook, Xing, MySpace, "Freunde" zu sammeln. Das wäre für mich nicht viel anders, als mich an der Strassenecke auf eine Apfelsinenkiste zu stellen und meine Meinungen in die Gegend zu posaunen. Es liegt mir schlicht fern, ich bin's nicht.

Das soll nicht heissen, dass es nicht wunderbare Blogs gibt, mit fundierten Inhalten, schön geschrieben, gut recherchiert, unterhaltsam und/oder lehrreich... aber es ist wie mit der alten Analogie: es mag mir viel Spass machen, hier und da etwas zu kochen, aber dann ein Restaurant zu eröffnen um es Tag-ein Tag-aus wieder und wieder zu tun, das ist etwas ganz anderes dann.
Schön das trotzdem Köche gibt und Restauranteure, die sich das alles auf sich nehmen, was es heisst ein Restaurant zu haben. Und Zahnärzte und Bäcker und all die lieben Verrückten, die das auf sich nehmen, was ihnen am Herzen liegt.
Das was ich dann mit Liebe und Eifer mache, wäre wahrscheinlich von vielen anderen wiederum als untragbar und unbegreiflich eingestuft: 15h in einem Stück vor diesem Fenster in die Welt zu sitzen, nur um alle Biographien einer Person zu recherchieren, oder nachts um 4 aufstehen nur um Ideen aufzuschreiben, oder 10 Museen in 5 Ländern abzuklappern, nur um alle Dürer Bilder im Original zu sehen...
"Der spinnt doch" ist ziemlich normal für mich hinter meinem Rücken gemunkelt zu hören. Ob es in der Schule mit Martin war, mit Plänen auszuwandern, oder drüben dann, eine Software Firma zu gründen, oder später auch wieder hier, eine Burg zu suchen, und jetzt immer noch, in philosophischen Grundfragen zu wühlen. Aber auch mit der Burg, wie mit den Werken... da bin ich immer noch für eine Überraschung gut.

Das Fenster in die Welt ist übrigens wunderbarer denn je geworden: ich habe mein 30" Cinema seit einigen Monaten vertikal gedreht. 2560 Zeilen hoch... damit ist jede Seite vertikal so unendlich viel schärfer und größer ( gegen 1600 vorher)... einfach ein Traum!
Erst seit dem 8-core sind einige nVidia Karten im Einsatz, die die Option Rotation aktivieren, bei voller Größe und dann in voller Geschwindigkeit, vorher hab ich es noch nie gesehen.... Ohne Halterung muss man etwas kludgen, aber ohne besonderen Schwierigkeitsgrad steht das Ding und ist schlichtweg wunderbar - für jeden der oft mit vertikalen Seiten und PDFs zu tun hat kann ich es nur wärmstens empfehlen. ( "Spaces" macht da übrigens sehr sauber mit, und Quicklook ebenso)
So viele Dinge sind Listen-basiert, ob iTunes Songs ( 141 auf einmal), oder Photoshop Layers, Source Code, lange scrolling Webseiten, oder andere ToDo Listen, Databases und eben Wordprocessing als solches (Dieser Text hier: 160 Lines in einem Blick...)

Bei Bildern ist widescreen sicher sinnvoller - und am besten hats der, der sich beides parallel nebeneinander stellen kann (inzwischen gibt es 30 Zöller für ein Sechstel dessen, was ich noch für die ersten hier bezahlen musste...)
Und für all die Unkenrufer - mal wieder - die dann etwas von "sich leisten können" reden und sich "nach vorne sparen" wollen: es ist schlichtweg eine Frage von wie viele Stunden man vor diesem Ding sitzt, über Jahre hinweg - und plötzlich ist auch die allergrößte Maschine, maxed-out in jeder Hinsicht, ein totaler Bargain umgerechnet, Pfennige pro Stunde. In Lebensqualität lässt sich das gar nicht mehr ausdrücken... wie tief befriedigend ich es empfinde so recherchieren, schreiben, arbeiten zu können. Dumm, wer sich da vor kleine schiefe Laptops setzt, Tag für Tag für Tag.
Das ist wie der Frisör mit einer €200 Schere, die dem Laien überzüchtet vorkommen mag. Aber der wirkliche Pro investiert immer in seine Werkzeuge.

Jetzt geh ich um 4 Uhr morgens zu Vau und Landliebe Käse auf Paderborner Toast, Whittard Afternoon Tee mit einem Löffel Summer Pudding und Michael Wood's BBC Doku "Colors of India" in FullHD auf dem 608D, alles Träume in sich... :)
"der spinnt also doch nicht...!"
Tjaja.

 

Vom Blog zum Buch

 

Seit geraumer Zeit mach ich ja schon keinen Hehl mehr daraus, dass ich sehr glücklich bin, dass ich mich aus dem normalen Software Geschäft herausgeschlichen habe, sozusagen. Oder vielleicht sogar noch genereller: aus dem Zwang, jede schöne Idee immer gleich mit einem Profitgedanken zu verbinden und dann auch noch mit Deadlines, Quartalszahlen und Zeitdruck zu belasten.

Die Ideen haben natürlich nie aufgehört, nur der Wille, sich mit all dem rumzuschlagen, was damit dann verbunden wäre, es hochzuskalieren.

Aber ich glaub es bahnt sich trotzdem wieder ein frisches Beta Dingsda an, was liebes kleines...ein offshoot von TD.
Jetzt frag ich mich nur welches Pseudonym wohl am Besten passen würde.
Leider ist mein Name nur sehr unergiebig für Akronyme.

Wer da noch aus alten Tagen "in der Loop" geblieben ist, kann sich ja auf alt bewährte Art mal melden... ( Die Adressen die hier früher auf den jetzt archivierten Seiten gelistet waren sind natürlich längst verspammt, aber meine alte email check ich immer noch ab und an mal...ihr wisst schon...)

Es gibt wunderbare Blogs. Leute, die sich mit viel Mühe und Akribie in ein Thema reingefressen haben und immer wieder in kleinen Schüben weiter daran arbeiten, Neues auftischen, Aktuelles frisch dazu bringen. Und sich dann sogar noch mit den Kommentaren der Leser auseinandersetzen und bis ins Kleinste ausdiskutieren.
Ich neige mein Haupt in Bewunderung: denn ich, ich kann es nicht.
Nicht jetzt, nicht hier ( liebe Szene in Annie Hall ).
Nicht ich.

Aber ein bißchen den Gedanken freien Lauf lassen, warum nicht...
Mir kommen immer wieder so kleine Juwelen in die Finger, so viele wunderbare Factoids und Zitate und Lebensgeschichten. Das Web ist natürlich ideal für diese Art Recherchen, die früher nicht nur langsam, sondern zum Teil einfach gar nicht machbar gewesen wären.

Es hat mich immer schon fasziniert, dass so viele der großen Köpfe in ihrem Nachlass zehntausende Seiten an Briefen und manchmal Bände über Bände an Tagebüchern der Nachwelt schenkten. Was würde ich dafür geben, die letzten 50 Jahre immer im jeweiligen Bewusstseinszustand im Detail festgehalten zu haben. Das erste Dutzend kann man vielleicht vernachlässigen oder auf Zeilen per Woche reduzieren, aber schon was mir mit 12 oder 15 durch den Kopf ging, wäre höchst spannend zu haben. Wohl mehr für den Inhaber des Kopfes selbst, als für "die Nachwelt".

Einige davon habe ich zum Glück - die Margen sind zu klein um hier darauf einzugehen ;) - aber es ist ein verschwindend geringer Prozentsatz von Tagen die ich genau festhalten konnte.

Dass man fast holographisch ganze Filmszenen wieder aus dem Nichts zurückholen kann, mit einer kleinen Melodie, einem Geruch, dem Namen einer Person... wäre ein schönes Thema in sich. Aber der wirkliche Wert der Aufzeichnungen wäre noch tiefgreifender als nur alte Movies-im-Kopf abzuspielen. (hier auch interessant: dass wir die 70er in diesen abgestumpften Farbpaletten in Erinnerung halten, alte Tatort Folgen mit orangen Kissen und braun gestreiften Tapeten..., und die 50er-60er in schwarzweiss, bis zurück zu den 20ern in extra-schwarzweiss, verkratzt und mit wackelnden Autos... und dann kommt der Sprung vor den Film, vor die Photographie: wir können uns 1723 oder 1535 überhaupt nicht in high-definition vorstellen, scharf und bunt "wie heute"... Irgendwie ist unsere gesamte Erinnerung mit einem selektiven Filter versehen, der Unschärfe und Farbsättigung pro Jahrzehnt vermindert ;)

Zurück zu den Blogs und den fleissigen Ameisen: da fand man immer schon die Mitschreiber und die Historiker. Die Antike hatte etliche wie Herodot, Plutarch oder Tacitus, aber ich meine eigentlich weniger die einfachen Aufschreiber der Chronologie. Eher schon die voluminösen Tagebücher eines Leibniz oder Samuel Pepys.

Jemand der mich nicht besonders kennt, mag solche Passagen als "belehrend" ansehen (und manche daher sogar als "automatisch langweilig"), aber gerade die Kids da draußen werden eines Tages mit Überraschung feststellen, dass es eine ganze Menge sehr "cooler Typen" gab, die jeweils in ihrer Zeitfalte ziemlich unglaubliches geleistet haben. Oft radikal anders, gegen den Zeitgeist und es sich weissgott nicht leicht machend, sind da viele Einzelgänger ihren Weg gegangen in Kunst und Forschung, Philosophie und Wissenschaften.
Mir gehts also nicht um Nachhilfe Lektionen in Literaturgeschichte, sondern ganz im Gegenteil um die vielen kleinen unbekannten aber unerhört wissenswerten kleinen Perlen. Genau die, wie sie zumindest uns "von 10 bis 18" im Gymnasium nie gezeigt wurden. Fast wurde einem da der Sinn fürs Lernen und Wissenwollen komplett ausradiert.
Dabei ist die Welt so voller wunderbarer Geschichten...und Menschen.

So richtig im Sinne des Bloggings ist da zB. Karl Kraus eine schillernde Figur.
Er begann bereits 1899 mit einer Mischung von Wochenzeitung und eher memoirischen Aufzeichnungen unter dem Namen "Die Fackel". Und das hielt er 37 Jahre lang durch, für 922 Ausgaben, bis in die Anfänge der dunkelsten Tage 1936.
Wie traumhaft ist es, heute alle Ausgaben- für Pfennige nur- besitzen zu können, (Als DVD der Digitalen Bibliothek bei 2001) sie so leicht lesen zu können, ja besser: sie mit Volltextsuche zu durchforsten, wie es dem Autor selbst nie möglich gewesen wäre...
Da finden sich in Sekunden alle seine zum Teil erstübersetzten Aphorismen von Oscar Wilde (zB: "Zeit ist Geldverschwendung" - solches findet man später im Netz oft als bumpersticker oder T Shirt Spruch) aber auch alle Erwähnungen Einsteins, und die vielen anderen Ecken wo Kraus auch sehr polarisierte, auch mich, trotz der Nähe zu meinem Namen ;) und einigen wirklich wunderbaren Aphorismen. Aber Hut ab, er hat ihn durchgezogen diesen molekularen Papierblog. Und ein praktischer Denker auch, mit Humor: um die Auflagen für reguläre monatliche Magazine zu unterwandern, schreibt er:

"Die Fackel" erscheint bloß dreimal im Monat.
So erspart sie sich den bekannten Zeitungsstempel
und dem Finanzminister Kaizl ein schamvolles Erröthen.
...
So lasse ich denn, Herrn Kaizl zuliebe, die »Fackel« nicht,
wie ursprünglich geplant, allwöchentlich erscheinen,
versage dem Staate die sonst fällige Zahlung einer jährlichen Steuer
von mehr als tausend Gulden und glaube zu diesem Entschlusse
die Zustimmung des Finanzministers in vollem Maße zu besitzen."

Viel findet sich dort, auch an Zeitgeist den man kaum nachempfinden kann: wie es gewesen sein muss, erst den ersten und dann den zweiten Weltkrieg kommen zu sehen, das elektrische Licht, die ersten Autos, den Telegraphen, das Radio. Weltbewegende Änderungen immer wieder. Eine Jahrhundertwende mit unvergleichlicher Stimmung, weitaus tiefer als unser Millennium 2000 es war. Fin de Siècle kann man die labbrigen Schlagzeilen zum Y2K Bug wohl kaum bezeichnen.

Aber was Kraus da in Wien im Cafe mit Mélange machte, kann nur jemand durchhalten der dafür eine besondere Ader hat. Vielleicht hab ich ein "e" zu viel... aber ich schreibe zwar immer mehr, aber immer weniger hier, in dieser Blog Form. (..was mir dann wieder für die wenigen aufrichtig interessierten Leser leid tut, die mir ab und an doch sehr liebe Briefe schicken und wirklich "mitdenken" dabei...)
Es wird dem Blog immer unähnlicher hier... bis es dann ganz in "echten" Büchern aufgeht.
(Über die man dann ja auch wieder einen aktuellen Blog anlegen kann, ha, mal schaun...)

Bei Robert Gernhardt fand ich eine schöne Beschreibung der gleichen Zwangslage, die ihm mit immer wiederkehrenden Feuilleton Kolumnen in Termindruck und LustigSeinZwang schon 1985 sehr zu schaffen machte. Er zitiert damals:

"Ein schrecklicher Gedanke, solch ein Blatt schreiben zu müssen.
Das ist wie ein gefräßiges Ungeheuer,
das immer und regelmäßig gefüttert sein will.
Erst gibt man ihm die besten und nahrhaftesten Speisen, ja Delikatessen;
nach und nach zwingt einen das nimmersatte Vieh dazu,
in den zugeworfenen Brocken immer weniger wählerisch zu werden,
bis man zu faulem, stinkigem Fleisch und leeren Wurstpellen kommt.
Die Bücher kann ich machen,
wenn ich Lust habe
und mir was einfällt."

Wilhelm Busch schrieb dies über 90 Jahre vor ihm und Gernhardt meinte dazu später:
"sie dürfte, schön menetekel-gerahmt, an keiner Humoristen Wand fehlen".

Busch kannte ich zunächst nur aus den Zeichnungen, die damals fast prägend die Ur-Bilder kindlicher Vorstellungen erfüllten. Ein dickes Buch mit rotem Ledereinband mit hunderten von Seiten der oft pervers brutalen Vor-Comics stand im Regal meiner Eltern. Fasziniert von den Szenen frästen sich viele der spindeldürren Menschen und aufgespießten Tiere in meine Synapsen, "rückwärts" wie vielleicht nur noch "Der Struwwelpeter" in seiner Fähigkeit, sich nicht zwischen 'Neugier auf-' und 'Ekel vor' der nächsten Seite entscheiden zu können...

Aber Busch war mehr als das, die Leichtigkeit der Federzeichnungen täuschen hinweg über den Schwierigkeitsgrad. Die "drolligen" Verse verleiten, den Autor zu unterschätzen: wie er sogar vielleicht sich selbst unterschätze; er war weder drollig noch unbedingt lustig, im Gegenteil.
Er maß sich an den flämischen Meistern, die er erst in Düsseldorf in der Akademie vorgelegt bekam und dann in Antwerpen vor Ort studierte: 'dagegen käme er nicht an', sagte er und behielt über 1000 Gemälde einfach für sich allein, bis zum Tod.
Das hat was. Respekt.

Ein Kleinod ist doch schon der allererste Satz seiner Autobiographie "Von mir über mich"

Kein Ding sieht so aus, wie es ist.
Am wenigsten der Mensch,
dieser lederne Sack
voller Kniffe und Pfiffe.

So muss man das erstmal ausdrücken.

Für Busch kam Erfolg nach vielen schweren Jahren, Tuberkulose in Antwerpen und vielen Niederlagen, und erst recht spät mitte Dreißig, dann der Durchbruch mit den Geschichten wie "Max und Moritz". Aber der Akt selbst war für ihn nur "meine leichte Betriebsamkeit" wie er sagte.
Die Zeichnungen hatte er als Student für 1.700 Goldmark pauschal mit allen Rechten verkauft, (und erst Jahrzehnte später einen Ausgleich von 20.000 Goldmark erhalten, die er dann wiederum einfach stiftete. )

Sobald er es sich leisten konnte, hörte er mit regelmäßigen Bilderpossen, "all dem Papiertheater" auf, da wurde er gerade erst 53. Für über 20 Jahre danach widmete er sich anderer Prosa, (wie dem surrealen Roman "Eduard's Traum", in dem der Held im vierdimensionalen Raum auf Punktgröße schrumpft, 1891, lange vor Alberts annus mirabilis und der allgemeinen Diskussion) und Malerei "nach der Natur", die er aber ganz alleine für sich im hohen Alter von über 70 noch in abstrakte Farbstudien für sich entwickelte, in totaler Vorwegnahme des späteren Im- und Expressionismus (!)
Er lebte in seinem Heimatdorf auf dem Lande, in einer Mühle, mit Schwester und drei Neffen, raucht und trinkt und isst gerne, widmet sich den Bienen.
Reine Lebensqualität bis ins Alter von 76.

Für mich sind solche Personen und die dahinter verborgenen Lebensgeschichten pure Inspiration und es machte mir immer schon große Freude, ganze Jahrzehnte solchen Lebens nachzuverfolgen, das biographische Element, ohne Kult oder blindes Fan Verzehren, sondern einfach anderen zuzusehen wie die Schicksale sich dahinschlängeln, mit Parallelen zu meinen 50 Jahren.

Seit Jahren verschlinge ich die Bücher, Essays, Artikel, sammle kleine Notizen, Zitate und Aphorismen von Dutzenden, wenn nicht Hunderten, von Autoren, Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen.
Und welch idealen Mittel uns gegeben sind, das zu tun: wenn man dann wie heute zufällig auf einen unerwarteten Seitenweg wie Busch stößt, sind die Bücher nur einen Amazon click weit weg, kommen ins Haus geflogen wie von Geisterhand. Die Geschichte findet sich nicht nur einseitig aus der engstirnigen Sicht eines einzelnen Rezensenten, wie noch zu meiner Schulzeit zB, sondern man kann sich an einem Nachmittag die unterschiedlichsten Puzzlesteine zusammensuchen, hier die biographischen Lebensläufe in der Brittanica auf DVD, dort im Brockhaus hinter mir in molekularer Form der 17 Bände von 1902 - ein liebes Geschenk von Steff und Marcel vor Jahren - in der Busch übrigens lediglich 16 Zeilen bekam, noch zu Lebzeiten, aber immerhin mit dem letzten Satz: "B. ist der unerreichte Komiker unter den deutschen Zeichnern" ;)

Aber wieviel weiter man heute gehen kann, bei Wikipedia angefangen, mit wenigen Querverweisen und ein paar Links hat man ein Dutzend Essays parat, findet Gernhardts Rezension der 3000 Seiten Gesamtausgabe, inklusive der Verteidigung gegen antisemitische Anklagen. Oder auch die kompletten Texte, alle Gedichte, sehr viele der Bilder, Deutungen der verruchten "pornographisch" angehauchten Bilder im "Antonius von Padua", oder auch Ausstellungen im Museum, Fotos der Mühle, Briefe an diverse Damen, ( inklusive einer Mutter von acht Kindern, die ihm ein Studio in Frankfurt einrichtet), bis hin zu rührenden Deutungen von Schulklassen im Umkreis des Heimatdorfs. Kleine Fakten, wie seine Fans Kafka und Wittgenstein, die Widmung Albert Einsteins "insbesondere der Schriftsteller Busch, ist einer der größten Meister stilistischer Treffsicherheit. Ich denke - außer vielleicht Lichtenberg - hat es keinen Ebenbürtigen in deutscher Sprache gegeben".
Oder Artikel in Zeitungen über neue Ausstellungen, lange Traktate über seine religionskritischen Zeichnungen und eben ganz schlicht und einfach die Originaltexte der Gedichte, der Prosa und die beiden Versionen seiner kurzen Autobiographie.

Es ist ein Traum, so in den Werken wandeln zu dürfen, sich ein besseres Bild zu machen als jeder spezialisierte Professor in den letzten 100 Jahren es hätte tun können.
Ich sitze hier so oft vor dem Riesenschirm, mit Dutzenden von Fensterchen offen, parallel die verkleinerten PDFs und Textfiles, darüber zig Webseiten verstreut und freue mich ganz schlicht und einfach jeder Minute des Tages, an dem man so etwas machen darf.

Und der Traum geht weiter je tiefer man eindringt: gerade noch war es die Klerik Kritik auf einer unglaublich langen Seite, aber daneben steht ein wunderbares Zitat von Mark Twain. Plötzlich liest man sich fest in den selten gesehenen "Letters from Earth"die Twain 1909 verfasste. Das wiederum lässt mich bei Shelley in Italien landen, ein unglaubliches Abenteuer von Leben. Von da zu Wilde, zu Duchamp, zu Dali, Maria Merian oder Humboldt, Kurzweil zu Wendy Carlos, Max Ernst zu Steven Wright, Baudelaire über Photography oder Victor Hugo über den Rhein, es sind nur Katzensprünge und Mausklicks.
Wodehouse zu Hedberg, Eugen Roths Mensch und Pynchon, Tucholsky bis Gleick, Schwitters zu Asimov, Groucho zu Mencken zu Swift zu Voltaire. Athanasius mit Leonardo, Dürer mit den PräRaphaeliten, Dorothy Parker zu Mme du Chatelet zu Kästner, es türmen sich die Texte in den Himmel, die Bilder, die Filme und Musik gar noch dazu. Und dann tauchen sie noch dazu auf, Dutzende von Büchern von Amazon und 2001 und rare books und libris und sonstwo, da ist die CD Rom aller Donaldista Ausgaben in obskurer Herrlichkeit (mal ganz im Ernst: Carl Barks und Erika Fuchs sind beide 99 (!) Jahre geworden: der Umgang mit Donald muss doch der reinste Jungbrunnen sein !?)

Schon nur die wichtigsten, die seltensten und ganz besonderen all dieser Exemplare zu speichern, von Text und HTML in PDFs zu wandeln, ist ein Liebesakt irgendwie. Sich mit dem Autor und dem Werk so nahe zu befassen, Teile nachzutippen, in neuer Form zu pasten und zusammenzutragen... sich fallen lassen und in dem Lebensoeuvre sich treiben zu lassen!

Nebenthema dazu: Lange schon hatte ich gemerkt, wie kurzlebig auch die längsten und intensivsten Webseiten sind, das ganze Archive übernacht verschwinden können... und nach Hunderten von lediglich-als-Bookmark-gespeicherten-Links habe ich dann begonnen, lokale Kopien zu archivieren, und habe es nicht bereut. Manch besonders obskurer Fund ist inzwischen wieder in die ewigen digitalen Jagdgründe verschwunden, grosse Teile der Zeitungen haben geradezu lächerliche Konzepte von pay-per-view angezettelt und ein großer Prozentsatz von unendlich liebevoll zusammengetragener Sekundärliterarur ist durch Copyright Abmahngeldgier zerstört worden.
In manchen älteren Essays findet man Linksammlungen die zu mehr als 3/4tel einfach nur alle ein Ergebnis haben: 404.
Nebenthema off...

Mein tiefes Interesse an der Essenz der Essenz des Denkens all dieser Besten der Besten, jeder auf seine Art, alle sich widersprechend, erfüllt eigentlich nur, was ich schon in Jugendjahren in mir hatte, aber nicht umsetzen konnte: erst jetzt ist es wirklich möglich, nicht durch den Tagesablauf und meine eigenen Umstände so überschattet zu sein, dass man sich gar nicht wirklich widmen kann, mitdenken kann.
Zulange war es für mich Zwang, immer am Ball zu bleiben, oder schlimmer, an 100 Bällen sein zu sollen. Früh schon habe ich gerne gelesen, immer fasziniert auch von Cinema und Kunst, aber es blieb ein kurzer Seitenblick, und dann musste ich wieder weiter nach vorne sehen.

Erst hier, in der eigenen Zeitfalte dieser alten Mauern hier, habe ich mich dem hingeben können, mit Ruhe und Fokus diese Augenblicke zu intensivieren, einen Moment von Angetanheit umzusetzen in eine regelrechte Recherche, in ein organisiertes Analysieren. Es hat lange gedauert dafür ein echtes System zu entwickeln, alle Werkzeuge parat zu haben.

Sicher, die Maschinen von heute haben quasi unendliche Speicherkapazitäten, die Geschwindigkeit auch Tausende von Seiten eines Werkes nach einem Stichwort zu durchsuchen ist absolut atemberaubend, die Fähigkeit Bilder in monumentaler Auflösung und Brillianz zu sehen - (gerade wieder die neuesten NASA aufnahmen von Eta Carinae runtergeladen: 29.566 x 14.321 (!)) das alles ist jenseits aller Vorstellungen aller Generationen vor uns.

Aber was immer noch nachhinken wird ist: die Zeit.
Wenn man dann einmal so RICHTIG "drin ist" und auf 100 Stapeln gleichzeitig die Ergebnisse sortiert - und im Kopfe hat was genau wo zu sein hat.....
da könnte es einen wirklich wünschen lassen, lebenslang in einer Einzelzelle gefüttert und in Ruhe gelassen zu werden...!

Und das ist wohl genau was mir auch vorschwebt:
eine schöne kleine, aber sehr große Einzelzelle,
eine Einzelzelle, aber zu zweit,
eingeschlossen, aber mit Abstechern in alle Welt,
in Ruhe gelassen, bis auf die Besuche ganz besonderer Freunde und Familie,
bei Brot und Wasser, aber bestem Krustenlandbrot und Evian,
ohne Geld, aber auch ohne Rechnungen und Formulare und Papierkram
eingesperrt zu werden.... ein Traum!

Einfach zu sammeln und zu schreiben und zu lernen, bis der Kopf platzt,
oder die Geduld, mit dem Rest des Planeten und der Menschheit umgehen zu müssen.

Es gibt sie aber noch, die wirklich "anderen" Köpfe. Nicht alle, deren Werke ich da so gerne seziere und studiere, müssen auch gleich schon tot sein ;) Und bei manchen ist aus der Faszination mit deren Kreationen auch eine gute Freundschaft entstanden, selten aber, denn oft ist es auch so, dass die Person nicht unbedingt auch dem Oeuvre entsprechen muss. Manch einer macht wunderbare Musik und ist leider ziemlich beschränkt. Oder schreiben absolut bewundernswert schlaue Traktate mit schwierigsten Schachtelsätzen, sind aber einfach... nicht lieb.

Überhaupt, Lieblosigkeit ist wohl eine der Seuchen dieser Ära. Auch bei den Erfolgreichsten findet man dann so traurig ausgelaugte Persönlichkeiten ohne jede Kapazität sich noch an kleinen Dingen erfreuen zu können oder selbst noch Wärme auszustrahlen. Wie froh sind wir, einen kleinsten Kreis guter Freunde zu haben, die da entschieden anders sind. Winke an euch!

Aber dann wieder gibt es doch die Ausnahmeerscheinungen, wo der sehr "eigene" Charakter sich auch in ebenso einzigartigem Werk wiederfindet. Auch diese Liste ist kurz, aber wenigstens gibt es sie noch und erhalten uns den guten Glauben an die Menschheit überhaupt noch!

Die Namen tun hier nichts zur Sache, aber nur als ein kleines Beispiel will ich hier noch etwas hinlegen. Sprache ist etwas, das mich immer schon sehr fasziniert hat, und Vau sogar 13 Semester lang traktierte. Eins der Bücher wird sicher mit Sprache und den funkelnden Juwelen beim Heben des Wortschatzes zu tun haben.

Hier ist ein überaus seltsamer kurzer Monolog über Sprache, von dem lebenden Oscar Wilde, Stephen A-bit-of-Fry-and-LaurieFry:

"Language is my mother, my father, my husband, my brother,
my sister, my whore, my mistress, my checkout girl
Language is a complimentary moist lemon-scented cleansing square or handy freshen-up wipette.
Language is the breath of God, language is the dew on a fresh apple,
it's the soft rain of dust that falls into a shaft of morning light,
as you pluck from an old bookshelf a half-forgotten book of erotic memoires;
Language is the creak on a stair, a spluttering match held to a frosted pane,
it's a half-remembered childhood birthday party,
it's the warm wet, trusting touch of a leaking nappy,
the hulk of a charred Panzer, the underside of a granite boulder, the first downy growth on the upper lip of a Mediterranean girl,
cobwebs long since overrun by an old Wellington boot."

Einzigartig seltsam, und im Sketch noch mal wieder anders:
http://www.youtube.com/watch?v=gfltPfU_nw0

Natürlich gibt es auch wunderbares auf Deutsch...
Da bin ich allerdings nicht ganz so verkabelt mit gegenwärtigen Verfechtern, Hüsch und Gernhardt habe ich knapp verpasst. Den Hagen hab ich nun auch noch nicht getroffen... aber dann füge ich doch wenigstens zwei kleine Klassiker an, wenn sie auch noch-so-schon-tot sind... :

Das ästhetische Wiesel von Christian Morgenstern:
Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.
Wißt ihr
weshalb?
Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:
Das raffinier-
te Tier
tat's um des Reimes willen.

Und eindeutig doppeldeutig von Ringelnatz:
Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband
Wie irgendwo daneben...

Ach ja.
Nun tipps ich so vor mich hin ein Stündchen, und im Nachhinein stupsen mich dann die Tagesstimmung und Vau's proof reading auf die unweigerliche Offensichtlichkeit: dass das hier nur sehr sehr sehr wenige mit Interesse lesen können oder zu würdigen wissen.

In die "Literaten" Kiste gesteckt werden ("da gibt es schlimmeres" lautet noch die besänftigendste Version der Gutmeinenden ) ist wohl offensichtlich.

Aber sei's drum.
Grüße in die Runde erstmal

Und um es mit einem zu sagen mit dem ich sonst eigentlich nicht viel am Hut hab:

Auffassung vom Glück: Château Margaux 1848
Auffassung vom Unglück: zum Zahnarzt zu müssen
Lieblingsmotto: immer mit der Ruhe

Friedrich Engels

Oder einer, der mir schon eher interessant vorkommt und auch einen Platz in meiner langen Liste von "seltsamen Namen" innehält, Percy Byssche Shelley:
Sein italienischer Ring hatte ein Motto ( auch wenn es für ihn nur bedingt zutreffen sollte...)

"Il Buon tempo verra"
Good Times will come

Oder um es ganz deutlich zusagen:

what is length
when silence
is so windowful.

Gertrude Stein