mediocrity
 

In no way schon   Innovation...

AnteScriptum   Dieser Text wurde in ziemlich geänderter Form anlässlich des Releases von "Windows Millennium" gedruckt, ist aber in fast allen Aspekten vollkommen losgelöst davon.
Es war eine sehr generelle Beobachtung des 'State of the Art', der Stand der Dinge, und ist auf alle Varianten eigentlich gleichmässig anwendbar. Man sollte mich da nicht in die falsche Tonne einsortieren als Mac versus PC Fan. Dies ist eher ein unabhängiges Händeringen und Jaulen zu den Göttern der Bits...


Ich habe viele Anfragen bekommen auf diesen und andere Texte die in verschiedenen Ecken als Interviews und Postings oder auch live auf der Bühne kamen, oft aber nicht mehr online zu lesen sind. Hier also der erste ungekürzte Directors Cut...:
(Übrigens nur auf Deutsch zunächst... die Wellen da drüben spar ich mir erstmal noch auf)

Also


In no way schon   Innovation...

Millennium.
Das ist ein Übergang der nicht nur alle Hundert sondern nur alle Tausend Jahre passiert.
Ein grosses Wort. Und ein sehr überbenutzes Schlagwort in diesen Jahren.
Wie so viele andere, Innovation mit gleich ganz oben in der Liste.

An dieser Stelle geht es mir persönlich gar nicht um detaillierte Analyse eines spezifischen Software Programmes, grob in seiner neunten Variante.
Es mag Vieles gut und neu daran sein, es mag Einiges nicht so funktionieren wie erhofft.
Das können andere viel akkurater entscheiden als ich.

Mein Problem ist einfach das einer größeren Enttäuschung und nicht der kleinen Details.

Meine intensive Begegnung mit diesen Maschinen begann in den 1970ern, klingt schon wie die Steinzeit inzwischen. Im ersten Computer Laden der Welt in Santa Monica, L.A. sah man da die IMSAIs, ALTAIRs, PETs und Cromemco Dazzlers vor sich hinbrummen.

Lichterchen flickerten und kleine Kippschalter luden ein, sich sein OS erst einmal hineinzutogglen. Bill Gates & Paul Allen und Steve Jobs & Woz haben diese Tage erlebt, standen mit ähnlicher Faszination vor dem Tor und es war irgendwie allen klar :

Das ist DIE ZUKUNFT.
Nichts wird so werden wie es die Generation unserer Eltern sich vorgestellt hatte.

Das Potential vor uns war schier unermesslich.


Und da setzt nun mein Enttäuschen ein.
Meine Ungeduld.
Mein verzweifelter Blick auf des Kaiser´s Kleider vor mir:

Sieht es denn niemand das das nicht wahr sein kann
wie wenig sich eigentlich in den 25 Jahren getan hat?

Um es etwas zu quantifizieren: nehmen wir an, jemand schreibt ein Schach Programm im Jahre 1977 das in 8K RAM läuft.
Auf einem Prozessor der mit 0.2 (!) Megahertz dahin wackelt.
Auf 8 Zoll Floppies kann er 160K (!) abspeichern.
Hard Disk? Ha!. Grafik auf meiner ersten Maschine war stolze 128x128 Punkte.
Das ist heute ein nettes Ikon!

Und nun das Gedankenexperiment: hätte man diesem Programmierer gesagt er kriegt eine Maschine mit, oh sagen wir mal das drei tausendfache an Geschwindigkeit, 600 MHz, und das 16.000fache an Speicher, 128M, und viele Hunderttausendfaches in einer 20 Gig Festplatte und über eine Million Pixel, in Farbe... ... ich glaube er wäre vor Glück geplatzt.
Einfach so.
Peng.
Tschüß.

Aber das passierte mir zum Glück nicht. Über 25 Jahre hinweg war der Schock des Neuen schön gleichmässig und schonend verteilt.


Nach dem 8080 kam der 8085 und 8086 und 186 und 286 und 386 und 486 und Pentium I und II und III, wie Gordon Moore´s Gesetz so schön sagt: alle 18 Monate verdoppelt sich die Power.

Aber und jetzt kommt das Aber fast so gross wie das Wort Millennium:
nicht in der Software!

Wer hätte es ernsthaft geglaubt das wir zehn Jahre lang unter kryptischen "8Punkt3" Dateinamen leiden würden.
Das es als erwähnenswert im Raume steht endlich irgendwelche Teile von DOS hinter uns gelassen zu haben.
Wie gross, überladen, langsam und einfach voller Probleme nur allein ein Textverarbeitungs Programm geworden ist.

"Jetzt! Noch einfacher!
Jetzt Neu, noch Mehr an Weniger Sachen!
Jetzt, hier, toll, endlich weniger Kaputtheit und mehr Nichtabstürzen!
Kaufen sie sich den Upgrade und wenn es läuft dann läuft es sogar!
Es sei denn das es nicht läuft. Haben sie etwa (A.A. (Akutes Akronym) hier einsetzen) nicht mit dem (anderes A.A. hier einsetzen) initialisiert? Oder die Entinitialisierung finalisiert?


Sicherlich, auch ich werde mich den Schritten nach vorne herzlichst erfreuen.
Aber sie sind doch eben nur inkremental!
An wirklichen Durchbrüchen ist seit so langen Jahren so wenig gekommen und fast nichts was man als ernsthaften Sprung bezeichnen könnte.

Von "grünen Matrix Zeilen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund" hin zu "Pixel, Farbe, WYSIWYG" das war ein Quantensprung. Aber wo sind sie, die echten Schritte nach weit vorne?

Warum kann eine Maschine 25 Jahre später nicht wenigstens einfach in einer halben Sekunde AN sein und an bleiben? Punkt.

Warum kann man nicht erwarten das sie wie ein Fernseher einfach funktionieren:
was würden denn die Menschen sagen wenn man von der Tagesschau aufs Fussballspiel umschaltet und ein Dialog etwas erzählt der passende Treiber sei nicht installiert und nach dem ersten Tor wird ein Reboot erbeten?

Wie wäre denn eine Stereoanlage wenn man jede dritte CD wieder ausgespuckt kriegt weil der 'Fehler 132' auftrat ("Name des Liedes nicht in Autoexec.bat").
Iss Klar....

Gutgut "Config.sys" ist nun weg. Hurrah! Toll! Die Innovation ist los, rette sich wer kann!

Was würde man von einem Mercedes halten, der auf der Autobahn einfach bei Tempo 220 stehen bleibt weil jemand gleichzeitig den Aschenbecher und das Radio angefasst hat oder der Name des Fahrers lag im falschen Ordner???

Zoom Out:   Konzepte wie "Ordner" überhaupt.

Klar war das eine tolle Sache bei Xerox Parc vor 30 Jahren.
Aber wer im Ernst würde im echten Leben seine wichtigen Dinge nehmen, die in eine Kiste legen, die man in eine Kiste legt, die in einer Kiste liegt, die man in einer Kiste von Kisten in Kisten ablegt.
Besser als in diesen russischen Puppen KANN man doch gar nicht seine Sachen vor sich selbst verstecken.

Diese Konzepte als solche gehörten doch schon vor Jahren hinterfragt.

Wie kann es sein das ich in Google nach "Millennium" suchen kann und in 0.4 Sekunden sich Zehntausende an Geschichten finden, ich aber von einem Quadrilliardstel an Information auf der lokalen Platte dann 4 Sekunden brauche nur um alle Dateien mit "M" am Anfang zu finden...

Das kann doch alles gar nicht sein will man da denken.

Aber ich muss es noch etwas krasser ausdrücken:
wir alle die hier oben auf dem Äther rumtoben, wir sind die early adopters.
Wir predigen hier dem Chor.

Wir haben uns über die Jahre einfach daran gewöhnt, einfach mit den Problemen so lange gelebt, das auch die kleinsten Fortschritte uns erleichtern und erfreuen. Die, die die kleinen Häppchen von "jetzt kann man endlich auch da dran?" dankbar schluchzend hinnehmen.

Das ist die etwas dubiöse Freude in dem Spruch " es ist so schön wenn der Schmerz nachlässt..!



Und nun dies.   Es sieht aus wie 95-98-2000-NT, riecht so, heisst so, wiegt so.

Wenn man einmal eine Dosis der wirklichen objektiven Ansprüche an einfach zu bedienen aufnehmen will dann möge man einen brandneuen PC jeglicher Art seinen Eltern schenken mit dem netten Gedanken, jetzt senden wir uns mal die Babyfotos per e-mail. Dann erst kann man wirklich würdigen wie unendlich lang die Liste der absurden Details ist, die Myriaden der Akronyme die dieser Generation allen Spass verderben kann.

Hey Opa,   PPP und TCP/IP, biste schon drin?  Oder machste PP?

Absichtlich darf man sich hier nicht des Gedankenganges bedienen kleine Kinder als Kriterium des Einfachen zu nehmen. Diese sind mit Maus in der Hand gross geworden, die haben keinerlei Hintergedanken, keine Vorbelastungen, keine Berührungsängste.

Die machen uns alle noch nass. Und das erzähle ich schon seit einer Dekade: die werden sich kringelig lachen, wenn sie sehen was wir hier so gerade treiben:

´ne Maus mit Kabel.... guck mal.
Internet das man an und aus schaltet... hahaha.   Wie niedlich.


Sicherlich ist Windows ME ein Schritt nach vorn. Und OS/X
Sicher müssen kleine Schritte sein.

Aber ich bin nahe genug dran gewesen um zu sehen das es viele viele viele andere Schritte geben könnte.

Und das quietschende Rad bekommt das Öl. Die Benutzer müssen auch mal mitquietschen, sich auch einmal engagieren, ihren Gedanken und Hoffnungen freien Lauf zu lassen.

Ideen sind letztendlich eine fast genetische Entwicklung,
wie DNA optimieren sich die Vorteile,
rottet man die Nachteile aus.
Ganz behutsam über die Zeit,
iterativ



Ich schreibe dies auf einem Sony Laptop mit Win98, sende es über einen Mac G4 auf ein Linux Server Netz. Ich bin nicht einseitig vorbelastet und diese Kommentare sind sozusagen OS neutral zu sehen. (Inzwischen alles neue Maschinen mal wieder, aber ob's n Tit G4 Powerbook ist und auf den Siemens Server spült, macht es irgendeinen Unterschied?)

Es ist ein Appell an alle, für alle, auf allen Maschinen.


Sicherlich sprechen in den Fachkreisen immer welche miteinander.
Aber sie reden mit sich selbst untereinander und verstecken sich hinter den techischen Details wie die Mönche hinter dem Latein.
Die wirklichen Fortschritte können aber auch bei den sogenannten Laien, die hier die sogenannten Leser sind, in ganz kleinen einfachen Einsichten liegen.

Und die können nicht von Einem besessen werden
oder auch nicht von den Reichen gekauft
oder den Schnellsten reserviert werden.

Aber bevor irgendjemand irgendwo irgendetwas tun wird, ob bei Microsoft oder Apple oder Linux oder Sun...muss als allererstes darüber gesprochen werden.
Ideen auf den Tisch gelegt werden oder wenigstens ein Tisch verlangt werden.

Man sollte sich wundern wie sehr einige laute Worte wirklich angebrachter Kritik, oder aber auch leise Worte einer wirklich guten Idee ihren Weg finden können,
auch tief in die innersten heiligen Hallen von Tausenden (!) an Programmierern allein bei Microsoft.

Es war immer nur einer der dann so etwas wie eine Maus auf eine Serviette malte, nur so als komische Idee....
haha   ne MAUS...

Gesunder Menschenverstand ist gefragt hier. Auf allen Ebenen und in jedem Detail. Und fast jeder Leser würde wohl von sich behaupten den zu besitzen.

Vielleicht fällt die nächste Maus ja jemand hier ein...?   Na? Wie wärs?
Oder haben alle nur noch die nächste Maus auf der nächsten Love Parade oder After Work Party im Kopf?   Auweia.

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Post Scriptum.

Ich fand es damals sehr traurig das dieses Ding um fast ein Drittel gekürzt wurde....etwas editing ist eine gute Sache und selbst diese Fassung hier behielt die Hälfte jener Edits, die die angebracht waren. Aber jedes extra Wort, jedes scheinbar überflüssige Nebensätzchen abzusägen, alles immer nur schnell auf den Punkt bringen müssen, bäng, bäng, bäng... es führt zu einer ungesunden Homogenisierung. Für mich sind es genau diese kleinen Details die echten Charakter da rein bringen, genau wie die kleinen Fältchen im Gesicht. Ohne die kleinen Krater ist der Mond auch nur ein Billiardball und würde weniger besingenswert, postuliere ich mal so.